Falsche Mesonen (aus dem Nachlass, 1960/61)
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Über Paul Alfred Müller

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Erstveröffentlichung aus dem Nachlass; Umschlagbild

Paul Alfred Müller [Werner Keyen]:
Falsche Mesonen
Erstveröffentlichung aus dem Nachlass des um 1960/61 verfassten Romans
Broschüre, 158 Seiten, 18 Abbildungen, mit einem Nachwort von Heinz J. Galle
15,00 € — ISBN 978-3-940679-77-2
Druckfehler auf S. 155, Bildbeschreibung, Zeile 2: Statt »1926« setze »199

> Über Paul Alfred Müller (alias Lok Myler, Freder van Holk u. a.)

Über Falsche Mesonen

Die hier vorgelegte Erstveröffentlichung des von Paul Alfred Müller unter dem Pseudonym „Werner Keyen“ offenbar für den Borgsmüller-Verlag verfassten Romans aus dem Nachlass entspricht dem ungekürzten und unbearbeiteten Text des um 1960/61, entstandenen Original-Typoskripts. Lediglich offensichtliche Schreibfehler und falsche Schreibweisen sind berichtigt worden. Dabei wurde die Rechtschreibung an die seit 1996 geltenden neuen Regeln angepasst.

Obwohl seit der Niederschrift des Romans mehr als 50 Jahre vergangen sind, haben wir uns zu einer Erstveröffentlichung aus dem Nachlass entschlossen, weil manche der behandelten Probleme auch heute noch oder wieder bestehen und weil nach den vier früheren unter dem Pseudonym „Werner Keyen“ verfassten und zwischen 1958 und 1960 im Borgsmüller-Verlag, Münster, erschienenen Romanen (siehe die Angaben und Abbildungen auf der folgenden Seite) auch der letzte „Keyen-Roman“ allgemein zugänglich sein soll.

Neben den zwischen 1959 und 1960 im Borgsmüller-Verlag, Münster, erschienenen vier „Keyen“-Romanen (Jenseits vom Licht, Menschen im Mond, Sprung über die Zeit und Die Minus-Materie) existiert noch ein fünfter Werner-Keyen-Roman, der den Titel „Falsche Mesonen“ trägt. Es handelt sich um ein 144 Seiten umfassendes Manuskript, das Müller offensichtlich nicht bei einem Verlag unterbringen konnte. Das von P. A. Müller bzw. Werner Keyen konzipierte Vorwort zu „Falsche Mesonen“, lässt eher an einen Kriminalroman denn an einen „Zukunftsroman“ denken; als solchen hatte Müller den Roman untertitelt:

Das ist die Geschichte einer großen wissenschaftlichen Entdeckung, die nie gemacht wurde, aber trotzdem die Schicksale vieler Menschen und eines ganzen Kontinents beeinflußte. Phil Kane experimentiert mit Halbleitern und verunglückt dabei. Sein Freund und Mitarbeiter Dudley Walsh verfeindet sich um den zukünftigen Erfolg und einer Frau willen mit Vernon Kane, dem Bruder des Toten, der selbst in der gleichen Richtung forscht. Mörder setzen sich in Bewegung, Haß und Rachsucht treiben. Während Dudley Walsh sich selbst und seine Schwester verkauft, um schließlich vor dem Unmöglichen zu stehen, erarbeitet sich Vernon Kane verbissen die Millionen, die er für seine Rache braucht. Er zahlt zurück, war er empfing, aber die Genugtuung bleibt ihm versagt, denn alle Schuld verdeckt nur den Irrtum.

Im umfangreichen Materialienband Sun Koh. Der Erbe von Atlantis und andere deutsche Supermänner steht noch etwas mehr zu diesem Roman:

Ausgangspunkt ist eine mysteriöse Explosion in einem Labor, der dort mit Halbleitern experimentierende Physiker Phil Kane kommt dabei ums Leben. Wie sein angereister Bruder Vernon Kane, seines Zeichens ebenfalls Physiker, argwöhnt, war er offensichtlich einer großen Sache auf der Spur, von der sein ehemaliger Freund und Laborpartner Dudley Walsh, der sich zum Zeitpunkt der Explosion außerhalb des Labors aufhielt, jedoch angeblich nichts weiß. Walsh läßt sich von der neugegründeten Afrikanischen Union unter der Präsidentschaft eines in New York aufgewachsenen Schwarzen anwerben, die Union verfügt darauf schon bald über die neuartige Mesonenbombe und kann sich mit Ausnahme der nördlichen Mittelmeeranrainer sämtliche afrikanischen Staaten einverleiben. Der Bruder des verstorbenen Physikers erhielt ebenfalls eine Berufung nach Afrika, schlug das Angebot jedoch aus, darauf wurde ein Mordanschlag auf ihn verübt, den er nur durch Zufall schwerverletzt überlebte. Er taucht darauf unter und schmiedet einen gigantischen Racheplan …

Müller griff hier noch einmal das Thema afrikanischer Potentaten auf, das er schon in den 1930er Jahren in der SUN-KOH-Serie behandelt hatte. 21 Er ging auch in gewisser Weise auf den „Kalten Krieg“ mit den sich gegenüber stehenden Machtblöcken in Zusammenhang mit dem Gerangel in der UNO ein und befasste sich auch mit den Problemen fehlgeschlagener Projekte zur Entwicklungshilfe. Generell schlug er in diesem Roman sehr pessimistische Töne an.

© Copyright 20132 by Heinz J. Galle und Dieter von Reeken

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Leseprobe (Beginn des 1. Kapitels)

Vernon Kane zog das weiße Tuch über das zerrissene Gesicht seines Bruders, glättete es mechanisch und stand auf. Seine Glieder waren schwer wie Blei, seine Gelenke weich wie Gummi. Im Kopf dröhnte eine Benommenheit, die ihm jeden klaren Gedanken verweigerte. Er spürte keinen Schmerz, wenn er auch wusste, dass er irgendwann in ihm losbrechen würde.
     Philip war fünf Jahre älter gewesen, aber sie hatten sich immer großartig verstanden, wenn er auch manchmal reichlich den väterlichen Beschützer herausgekehrt hatte. Ein Herz und eine Seele! Philip hatte ihm geholfen, sein Studium abzuschließen, obgleich er selbst nicht gerade mit Geld gesegnet war, und Philip hatte auf ihn gewartet, um mit ihm zusammenarbeiten zu können.
     Und jetzt?
Vernon Kane tappte aus der kleinen Schlafkammer hinaus in den kurzen Gang, der zum Anbau führte, stieß die windschief hängende Verbindungstür mit der Schulter auf und betrat das Labor. Es hatte nicht gebrannt, aber es sah aus, als hätte ein kleiner Wirbelwind in ihm gehaust.
Er hatte es nie gesehen. Früher war das ein kleiner Stall gewesen. Philip hatte sich den Raum erst vor Monaten eingerichtet. Er wusste jedoch, wohin er zu blicken hatte. Die Instrumente! Hochempfindliche und teure Instrumente! Alles weggeblasen und zerschmettert! Der Raum war nicht mehr wert als ein Stall.
Er brauchte nur eine Sekunde, um unwillkürlich die Verwüstung abzuschätzen, dann richtete er die Augen auf die beiden Männer, die am zersplitterten Fenster standen. Der eine trug Uniform und war der einzige Vertreter der Polizei in Craymouth und Umgebung, ein älterer, schwerer Mann mit einem gutmütigen Gesicht. Vernon kannte Sergeant Shingle von Jugend auf. Niemand konnte in Craymouth und Umgebung aufwachsen, ohne mit Sergeant Shingle in Dauerkontakt zu kommen, denn der Ort war winzig und Shingle besaß außerdem auch noch die Anlage zu einem Waisenvater.
     Der andere war Dudley Walsh, der Freund und Mitarbeiter Philips, dreißig Jahre alt und ebenfalls Physiker, Philip und Dudley hatten zusammen studiert und hatten sich nach einigen Versuchsjahren in der Industrie wieder zusammengefunden, um auf eigenen Füßen weiterzukommen.
     Gegen Dudley Walsh ließ sich nichts sagen. Er war groß und sportlich, stand fest auf dem Boden und füllte jeden Raum mit seiner Ausstrahlung. Sein dunkelbraunes Haar setzte an einer breiten Stirn an, die Augen hatten den ruhigen, forschenden Blick eines Arztes, Mund, Nase und Kinn waren kräftig ausgebildet. Wahrscheinlich lag es daran, dass er eine Aktivität ausstrahlte, die man bei einem Wissenschaftler nicht vermutete. Sie zeigte manchmal einen Stich ins Gewalttätige, denn Dudley Walsh besaß kein fröhliches Gemüt. Über seinem Gesicht lag immer eine gewisse Düsterkeit, für die kein äußerer Anlass zu finden war. Er besaß eine Menge Vorzüge, aber innere Heiterkeit gehörte bestimmt nicht dazu. Wer ihn nicht kannte, konnte ihn leicht für einen Menschen halten, der gerade über den Bankrott seiner Bank hinwegzukommen versuchte oder sich den Plan für einen Bankraub zurechtlegte.
     Die beiden Männer bedachten ihn mit einem Blick, setzten aber ihr Gespräch fort, als wäre er nicht eingetreten.
     „Und wie ist es nun eigentlich gekommen?“, fragte Sergeant Shingle in seiner ruhigen, gutmütigen Art.
     Dudley Walsh hob die Schultern und ließ sie wieder sinken.
     „Ein schiefgegangenes Experiment, Sergeant. Was hat das schon für einen Zweck? Sie würden ja doch nicht verstehen, um was es sich handelt.“
     „Hm, möglich“, gab Shingle bedächtig zu. „Leider verlangt meine vorgesetzte Behörde in solchen Fällen von mir ein Protokoll und lässt mangelnde Intelligenz nicht als Entschuldigungsgrund durchgehen. Sie werden es versuchen müssen, Mr. Walsh, und vielleicht bleiben dabei ein paar Brocken in mir hängen, die ich meinen Leuten zum Fraße vorwerfen kann. Übrigens – Vern wird sich auch dafür interessieren.“
     Vernon Kane nickte mechanisch. Tatsächlich interessierte er sich im Augenblick noch nicht für das, was vorgefallen war. Das Ergebnis würgte ihn noch ab. Sein Gehirn wollte immer noch nicht einsetzen.
     „Wie Sie wollen, Sergeant“, fand sich Dudley Walsh düsterer denn je ab. „Wir waren im Begriff, eine Versuchsreihe mit technischen Halbleitern durchzuführen, Dabei sind wir grundsätzlich von p-n-p- Übergängen ausgegangen, um aus den mit Defektelektronen injizierten Minoritätsträgern eine möglichst große Ladungswolke herauszuholen, haben aber selbstverständlich laufend variiert, teils durch Änderung, teils durch Verschiebung der Übergänge zwischen Emitter und Kollektor. Die Ergebnisse waren bei stehender Raumladung bisher sehr verschieden und reichten in der Spannungsspitze bis 105 Verstärkung.“
     „Hä?“, brachte Sergeant Shingle heraus.
     Dudley Walsh zuckte mit den Achseln.
     „Sie wollten es so haben, nicht? Sie nehmen am besten ein Blatt Papier und ich diktiere Ihnen ein paar Sätze, die Sie an Ihre Vorgesetzten weitergeben können.“
     „Das können Sie mit Onkel Shingle nicht machen“, griff Vernon Kane unwillkürlich ein, als die Hilflosigkeit im Gesicht des Sergeanten an ihn herankam.
     Dudley Walsh richtete seine forschenden Augen auf den jungen Mann an der Tür, der fast das Ebenbild seines Bruder war und zweifellos die gleichen Fähigkeiten besaß, aber mehr Härte und mehr Distanz mitbrachte. Sie kannten sich immerhin nur oberflächlich, und für ihn war er nicht mehr als der Freund des Bruders. Er würde sich kaum damit begnügen, den Tod seines Bruders als Schicksalsschlag hinzunehmen.
     „Was kann ich mit ihm nicht machen, Vern?“, fragte Dudley Walsh nach einer Pause ruhigt
     „Diese Erklärung, Dud“, erwiderte Vernon Kane mit einer plötzlichen Nervosität, die ihn erschreckte und veranlasste, auf sich zu achten. „Sie können ihm nicht einfach ein paar Brocken hinwerfen, die er nicht versteht. Philip ist unter seinen Augen aufgewachsen, und er wird wenigstens verstehen wollen, warum er gestorben ist.“
     Der Sergeant nickte.
     „Danke, Vern. Ich brauche dir wohl nicht zu sagen …?“
     „Schon gut, Onkel Shingle.“
     „Tut mir leid, aber ich bin nicht auf populäre Darstellungen geeicht“, sagte Dudley Walsh mit deutlicher Schroffheit. „Übernehmen Sie das, Vern.“
     Er kam heran und blieb dicht vor Vernon Kane stehen. Seine Augen bohrten.
     „Eine plötzliche Entladung, Vern. Mehr werden Sie dem Sergeanten auch nicht erzählen können. Oder wollen Sie ihn auf den Verdacht bringen, Phil könnte auf Dinge gestoßen sein, die er im eigensten Interesse geheimgehalten hätte?“
     Er ging hinaus. Seine Schritte verrieten, dass er durch den Gang zur Haustür ging und das Haus verließ.
     „Nun, Vern?“
     Vernon Kane entspannte sich und ging zögernd zum Fenster hinüber. Seine Füße traten auf irgendwelchen Trümmerteilchen herum. Während er sprach, wanderten seine Augen über das, was von den Instrumenten und Einrichtungen geblieben war.
     „Er hat auf seine Weise natürlich recht, Onkel Shingle. Ich bin nicht genau im Bilde und weiß nicht, was ich mit einer plötzlichen Entladung anfangen soll, aber etwas Anderes ist kaum denkbar. Experimente haben immer ein gewisses Risiko, denn sie bohren im Unbekannten herum und fordern es heraus. Ich begreife nur nicht ...?“
     „Was begreifst du nicht?“, drängte Shingle etwas später sanft.
     „Ach, ich weiß nicht? Ich dachte nicht, dass Phil in Gefahr kommen könnte.“
     „Dachte ich auch nicht, mein Junge. Mir hat er erzählt, dass er an einem neuen Kühlschrank arbeitet, der nebenbei ein ganzes Haus beheizen kann und außerdem noch Licht und Strom für das ganze Haus liefert. Das war natürlich einer von Phils Scherzen, aber jedenfalls klang es eher verrückt als gefährlich.“
     „Kein Scherz, Onkel Shingle“, murmelte Vernon Kane geistesabwesend und griff nach dem zerrissenen Sockelstück einer Röhre, die sich hinter einem Magnetometer verklemmt hatte. „Wie kommt denn eine Ehrenhaft’sche Röhre hierher?“
     Die Verständnislosigkeit im Gesicht des Sergeanten machte ihm klar, dass er keine Antwort zu erwarten hatte. Er begrub seine Frage und ging an die Oberfläche.
„Nun ja, du kannst es natürlich auch nicht wissen. Also lassen wir das. Dein Protokoll, nicht wahr?“
     „Nicht das Protokoll, Vern. Du hast es schon gesagt: Ich hatte Phil gern, und ich möchte wenigstens wissen, warum er sterben musste.“
Vernon Kane wischte sich über die Augen. Da war wieder das verstümmelte Gesicht seines Bruders. Es war nicht gut, es zu sehen. Irgendwann würde es dort drin am Herzen landen, wo irgendetwas nur darauf wartete, weh zu tun.
     „Ja ja, es ist nicht viel, aber wenigstens das, Onkel Shingle. Eine plötzliche Entladung? Ich weiß nicht? Vielleicht verraten die Arbeitsprotokolle etwas? Der Kühlschrank? Nun, er war ein Symbol, aber kein Scherz. Hast du schon einmal etwas von Halbleitern gehört?“
     „Nein.“
     „Möchte wissen, wozu er die Röhre gebraucht hat?“, überlegte Vernon Kane für sich, riss sich dann aber zusammen. „Es gibt Stoffe, die elektrischen Strom sehr gut leiten, etwa Kupfer. Das sind die Leiter. Daneben gibt es Nichtleiter, die Elektrizität praktisch überhaupt nicht leiten, z. B. Glas oder Porzellan. Und zwischen den beiden Gruppen gibt es die Halbleiter, die normal schlecht leiten, aber unter bestimmten Umständen doch eine Menge Elektrizität transportieren können. Klar?“
     „Sicher.“
     „Diese Halbleiter sind am dankbarsten, wenn man sie mit einer Metallfolie zusammenbringt und mit Strom oder Licht beschickt. Zwischen dem Halbleiter, etwa Germanium oder Silizium, und dem Metall entsteht dann ein Strom, der gegenüber der anregenden Energie eine erhebliche Verstärkung bedeuten kann. Es ist also durchaus möglich, mit einer geringen Energie aus dem Halbleiter eine recht beträchtliche Energie herauszuholen.“
     Der Sergeant zog die Brauen zusammen.
     „Langsam, Vern. Wenn du mir mit einer Wundertüte kommen willst, dann …?“
     „Wundertüte schon, aber du kannst sie überall kaufen., Nach diesem Prinzip arbeiten z. B. alle Transistoren, die du in Funkgeräten oder diesen tragbaren Radiogeräten findest. Die Sonnenbatterien der Satelliten, von denen du sicher in der Zeitung gelesen hast, sind Halbleiter. Technische Anwendungen gibt es schon eine ganze Menge. Allerdings handelt es sich bis jetzt immer nur darum, sehr schwache Energie wie etwa Antennenströme zu einer zwar beachtlichen, aber technisch noch immer schwachen Energie zu verstärken. Die Frage ist nun, ob grundsätzlich und praktisch die Möglichkeit besteht, über Halbleiter hinweg sehr schwache Energien so aufzuschaukeln, dass die Endenergie Licht, Wärme und überhaupt technisch nutzbare Energie liefern kann.“
     „Schlauköpfe!“, zensierte Shingle nachdenklich, „Wenn ich das richtig verstehe, läuft es darauf hinaus, dass ihr möglichst ein ganzes Elektrizitätswerk mit einer Taschenlampe betreiben wollt?“
     „So ungefähr.“
     „Aha? Und das Elektrizitätswerk ist Phil unter den Händen hochgegangen?“
     Vernon Kane wehrte mit einem Kopfschütteln ab. „Das ist kaum vorstellbar. So weit konnte Phil unmöglich schon sein. Ganz unmöglich! Und überhaupt …?“
     „Überhaupt?“
     Die Blicke der beiden Männer begegneten sich. „Was fragst du noch, Onkel Shingle? So sieht kein Raum aus, in dem es einen Unfall mit Strom gegeben hat, und so sieht kein Toter aus, der durch einen elektrischen Schlag getötet wurde.“
     Der Sergeant nickte.
     „Das ist es, Vern. Der Arzt und der Coroner sind sicher, dass es sich um eine Explosion gehandelt haben muss. Was aber ist da explodiert? Mr. Walsh behauptet, sie hätten keine Explosivstoffe hier gehabt. Er war nicht dabei, als Phil experimentierte, und er weiß nicht, was vorgefallen ist. Weiß er es wirklich nicht?“
     „Ich muss mit ihm sprechen.“
     „Und mein Protokoll?“
     „Ungeklärte Ursache. Es wird kaum jemand interessieren.“
     „Möglich. Phil war mit Walsh befreundet, nicht?“
     „Schlag dir solche Gedanken aus dem Kopfe Sie waren tatsächlich Freunde. Walsh wäre der letzte gewesen, der etwas gegen Phil unternommen hätte.“
     „Er gefällt mir nicht.“
     „Kein Mensch wird auf den Geschmack eines anderen gebaut. Dudley Walsh ist eine Persönlichkeit für sich. Phil hielt sehr viel von ihm.“
     „Du nicht?“
     „Ich kannte ihn nur flüchtig, und in meinem Alter ist man eben noch ein bisschen geselliger.“
„Na schön, es war nur ein Einfall. Mit Jungens, die Äpfel stehlen, kenne ich mich aus, aber ihr studierten Burschen lebt schon aus einem Hintergrund, an den ich nicht mehr herankomme. Wenn, du meinst, dass nichts Persönliches und Unrechtes hinter Phils Tod steckt, wollen wir es dabei belassen. Und sonst – nun, du wirst ein bisschen Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen.“
     Er legte Vernon Kane die schwere Hand auf die Schulter und ging hinaus.
     Vernon Kane blieb stehen, während seine Gedanken ohne Ziel herumschwammen. Irgendwann wurde ihm bewusst, dass er noch immer den zerrissenen Röhrensockel in der Hand hielt und ihn unablässig zwischen seinen Fingern drehte. Da legte er ihn wieder dorthin, wo er ihn gefunden hatte, und verließ dann ebenfalls den Raum.
     Er wollte mit Dudley Walsh sprechen.

*

Sie lärmten vergnügt wie Reisende, die endlich ihr Ziel erreicht haben, und sie schwiegen betroffen, nachdem Dudley Walsh an den Wagen herangetreten war und mit ihnen gesprochen hatte. Dann stiegen sie aus und kamen zusammen mit Walsh langsam auf die Haustür zu, in der Vernon Kane hängengeblieben war.
     Der Wagen gehörte zu den prächtigen Ausstellungsstücken, die man außerhalb der Autosalons kaum jemals sieht, Er passte in die halbe Wildnis, in der das alte Haus der Kanes abseits von Craymouth und erst recht abseits von aller Welt lag, wie die Faust aufs Auge.
     Die beiden Mädchen kamen auch wie fremde Schmetterlinge he ran, die sich verflogen hatten, beide in Shorts, hellen Blusen und den seidenen Kopftüchern für den offenen Wagen, die sie auf halbem Wege herunterzogen.
     Vernon Kane kannte Jenny Walsh, die Schwester von Dudley Walsh, bereits. Sie war knapp über zwanzig, mittelgroß und schlank, aber zierlicher und zarter wirkend, als sie wirklich war. Das schwere, rötlich-braune Haar, das sie in einem dicken Pferdeschwanz zusammenhielt, betonte den feinen Schnitt ihres Gesichts, gab aber auch ihrer blassen Haut eine kränkliche Note, obgleich sie wohl kaum krank war. Sie besaß wenig von dem düsteren Ernst ihres Bruders. Sie konnte leicht nachdenklich werden, aber darunter blieb immer eine gewisse Heiterkeit ihres Wesens, die das Schwere abfing.
     Vernon Kane hatte sie bei den wenigen Begegnungen immer sehr sympathisch gefunden – sympathisch genug, um sich eine nähere Bekanntschaft zu wünschen. Die Umstände hatten es jedoch nicht mit sich gebracht.
     Ihre Begleiterin stahl ihr die Schau. Sie war etwas größer und etwas weiblicher und bewegte sich viel geschmeidiger. Sie besaß schwarzes Haar mit einem schwachen Glanzstich ins Bläuliche. Ihre Haut leuchtete wie mattes Gold zwischen einem satten, leuchtenden Ton und einem blassen Gelblich. Ihr Gesicht war ungewöhnlich schön und wurde von sehr dunkelbraunen Augen beherrscht, denen ein schwarzer Ring um die Iris und tiefschwarze, sehr lange Brauen Geheimnis und Feuer gaben.
Vernon Kane registrierte solche und andere Einzelheiten erst später. Trotzdem ging sein erster Eindruck bereits dahin, dass diese Fremde das schönste und interessanteste Mädchen war, dem er bisher begegnet war. Es ging etwas von ihr aus, das unmittelbar die Sinne ansprach und Wünsche weckte, aber gleichzeitig drückte sie so viel Persönlichkeit und Intelligenz aus, dass jeder Nerv zur Vorsicht riet.

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