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Carl Grunert (1865–1918)
Über Carl
Grunerts Leben ist wenig bekannt. Die folgenden Lebensdaten sind nur
bruchstückhaft und können eine noch immer fehlende Biografie nicht ersetzen,
sondern nur als vorläufige Darstellung dienen.
Carl Grunert wurde am 2. November 1865 im damals zu Preußen und heute zu
Sachsen-Anhalt gehörenden Naumburg an der Saale geboren. Nach dem Besuch des
Lehrerseminars in Weißenfels (Burgenlandkreis, Sachsen-Anhalt) war er einige
Jahre in seiner Heimatstadt Naumburg als Lehrer tätig, u. a. am
Domgymnasium.
Schon im Alter von 21 Jahren (1887) veröffentlichte er
unter dem Pseudonym „Carl Friedland“ den im übertragenen Sinne „mit
Herzblut“ verfassten Gedichtband Schlichte Gedichte. Es folgten in den
beiden Jahren darauf, diesmal unter seinem bürgerlichen Namen, die
(wahrscheinlich nie aufgeführten) Dramen Judas Ischarioth (1888) und
Ihr seid geschieden! (1889). Diese drei Frühwerke brachten ihm in
seiner privaten und wohl auch beruflichen Umgebung „Enttäuschung, ja auch
Anfechtungen und Verdächtigungen“ ein. Diese negative Erfahrung veranlasste
Grunert, zusammen mit seiner Ehefrau Erna geb. Huth, die er 1889 geheiratet
hatte, Naumburg zu verlassen und nach Berlin zu ziehen, wo er weiterhin als
Lehrer arbeitete.
In den 14 Jahren von 1889 bis 1903 trat Carl Grunert
als „gebranntes Kind“ schriftstellerisch nicht in Erscheinung. Er nutzte
aber die zahlreichen Bildungsmöglichkeiten der Reichshauptstadt (Er wohnte
in Berlin-Moabit in der Wiclef- und der Stephanstraße.) insbesondere auf den
Gebieten der Physik und Chemie und besuchte über mehrere Jahre akademische
Vorlesungen.
Carl Grunert war, was sich in fast seinem gesamten
erzählerischen und dichterischen Werk widerspiegelt, Zeit seines Lebens
kränklich, und zwar an Körper und Seele, mit den jeweils verstärkenden
Wechselwirkungen. Hinzu kamen, nach offenbar tief-schmerzlich empfundenen
Liebes-Enttäuschungen in seiner Jugendzeit, schwere Schicksalsschläge: Der
Sohn Hans war offenbar im Kleinkindalter verstorben, wahrscheinlich im
Kindesalter auch eine Tochter namens Else; beiden hat der Vater in Gedichten
3 gedacht. Geblieben war der Familie der Sohn Carl Georg Friedrich
(1899–1966), der Diplom-Chemiker geworden ist und 1925 mit einer
Dissertation auf dem Gebiet der Chemie promovierte.
Nach einer durchlittenen schweren Krankheit lernte Carl
Grunert die Werke von Kurd Laßwitz kennen und schätzen, was ihn nach langer
Pause wieder zu schriftstellerischer Aktivität ermutigte, wobei er sich
erklärtermaßen an seinem großen Vorbild orientieren wollte. So widmete er
diesem denn auch „in dankbarer Verehrung“ seinen ersten Novellenband Im
irdischen Jenseits mit einer besonderen Zueignung. In diesem
Zusammenhang hat er fünf Briefe an den Professor in Gotha geschrieben, die
im Anhang der Gesamtausgabe vollständig abgedruckt werden. Die Antworten
sind leider nicht mehr erhalten. Es folgten bis 1914 die weiter unten
genannten Erzählungen und Gedichte.
Carl Grunert litt über Jahre hinweg an Schlaflosigkeit,
was zu einem immer stärkeren Gebrauch von Barbitursäure führte. Der
regelmäßige Gebrauch von Schlafmitteln vom Barbiturat-Typ birgt eine
erhebliche Suchtgefahr. Offenbar hatte sich eine solche Abhängigkeit
entwickelt. Als der gerade 19-jährige Sohn Carl Georg Friedrich im Frühjahr
1918 weitgehend zu Fuß als Soldat von der Ostfront zurückkehrte, fand er
seinen inzwischen in Erkner bei Berlin (in der Nähe des Müggelsees)
wohnenden Vater mit einer schweren Barbiturat-Vergiftung und überhaupt krank
vor. Nachdem der Sohn, in bester Absicht, ihm die Barbitursäure weggenommen
hatte, verschlechterte sich der Zustand des Vaters, wohl bedingt durch die
schweren Entzugsfolgen, drastisch. Angesichts seines schlechten
Gesundheitszustandes in Verbindung mit den Folgeerscheinungen des
plötzlichen Entzugs und der mangelhaften medizinischen Versorgungslage im
letzten Kriegsjahr erlag Carl Grunert schließlich am 22. April 1918 in
Erkner bei Berlin einer Lungenentzündung.
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Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen des Herausgebers
IM IRDISCHEN JENSEITS - Zukunfts-Novellen (1904)
Zueignung [an Kurd Laßwitz]
Das Untersee-Telephon-Amt
Gefangener Sonnenschein
Auf den Schwingen des Weltäthers
Die Fern-Ehe
Scarlatina. Ein Fiebertraum
Das Gas X
Unter den Papuas. Ein Ostermärchen
Schlußwort an den Leser
MENSCHEN VON MORGEN - Zukunfts-Novellen (1905)
Widmung
Die Radiumbremse
Ein Rätsel der Lüfte
Das Geschenk des Oxygenius
FEINDE IM WELTALL? - und andere Novellen (1907)
Feinde im Weltall?
Nitakerts Erwachen
Adam Perennius, der Zeitlose
Der Fremde
DER MARSSPION und andere Novellen (1908)
Der Marsspion
Pierre Maurignacs Abenteuer
Das Ei des Urvogels
Katalyse
Ein verirrter Telephondraht
Mr. Vivacius Style
Ballon und Eiland
Mysis
Das Ende der Erde?
Heimkehr
ZUKUNFTS-NOVELLEN aus ARENA, RECLAMS UNIVERSUM und ILLUSTRIRTE ZEITUNG
Im Fluge zum Frieden (1907)
Der Mann aus dem Monde (1908)
Mr. Infrangibles Erfindung (1909)
Das Phonogramm von Pompeji (1909)
< <
Das weiße Rätsel (1909)
Der schreibende Affe (1911)
Die Maschine des Theodulos Energeios (1912)
Der Ätherseelenmensch (1913)
Gelöste Probleme (1914)
GEDICHTSAMMLUNGEN
Schlichte Gedichte (1887)
Erwacht · Gedenken · An ein stolzes Herz ·
Bist Du auch nicht mein eigen – · Warum? – · Lied eines fahrenden Gesellen ·
Bitte · Nachtgebet · Wasserrose · Sehnsucht · Mein Wert · Einsam · Mein
schönstes Lied · Thränen · Vier Nixenlieder Um Mitternacht · Helene · Auf dem
Balle · Klage · Ein Naturwunder · Wie sie – · Echt und imitiert · Nach der Mode
· Ein Dezemberabend · Wie ich gelernt zu spotten · Sehnsucht · Zu spät.
Was die Stunde sprach (1907)
An den Leser! · Spielmanns Lied · Zweifel ·
Heimweh · Über Nacht! · Ein Vierblatt · Die Tanten · Im Glücke · Mein Geheimnis
· Verlass’ mich nicht – – · Im Dome · Verzage nicht! · Lern’ dich bescheiden ·
Sprich nicht: Ich liebe – –! · Gib nicht zu schnell ein Herze auf! · Sprich
nicht zu laut von deinem Glück! · Verspotte nicht ein Herz, das du besessen – –!
· Ein Ostern kommt! · Einkehr · Ultimum vale! · Kleine blaue Blumen ·
Ungesungene Lieder · An der Saale im Spätherbst · Die goldene Kette · Moderne
Pharisäer · Die Stimme in der Wüste … · Der letzte Mensch · Auf den Tod meines
kleinen Sohnes Hans · Stille · Die Bowle · Der Schimmel · Ein letzter Klang ·
Lieder aus: „Im irdischen Jenseits“ · Aus der Novellensammlung: „Menschen von
morgen“ · Begegnung · Von fern · Gebet · In der Heimat.
Nachlese (1909)
Erinnerung · Im Traume · Heimgang · Elegie ·
Abschied von der Heimat · Ein Leben · Jung Rother · Auf der Rudelsburg ·
Kirschfest in Naumburg · Die Rabensteinerin · An der Ilm im Parke von Weimar ·
Fürbitte · Ein alter Brief · Wiedersehen? · Novemberabend.
Lieben und Leben (1910)
I. Im Minnesängerton: Gruß und Bitte
· Scherzlied · Fangeball · Sehnen · Abendandacht · Abschied;
II. Lieben: Opfer · Frühlenz · Im Sonett · Mit einer Rose · Sängers
Beichte · Dein Blick · Wir gingen stille, stille · Du · In Pompeji · Vereint! ·
Die Wellen · Vergänglich · An mein Herz · Der Wanderer · Vergangene Stunden · In
Schwarz · Wiederfinden · Abschied · Ein Stündelein …;
III. Leben: Lucardis · Saat im Winde · Lindners Lieschen · Schwalbenlied
· Die Zuhörerin · Stoßgebet · Tausend Fragen · Allein · Echo · Resignation · In
der Vaterstadt · Dein Gott ist mein Gott!
Aus meiner Welt (1911)
Vorweltliches: Die neue Sonne · Um
die Männin … · Brautfest · Die erste Waffe · Gladiolus;
Aus Um- und Innenwelt: Zeppelin in Berlin · Das Flugschiff · Epilog zu
Kurd Laßwitz’ Gedenken. † 17. Oktober 1910 · Wüßt’ ich ein Herz … · Schönste
Zeit · Ein Weilchen noch – · Goldene Stunde … · Trost · Die Liebste · Nicht
werd’ ich deine Rosen pflücken · Rechtfertigung · Herbsten · Erzwungener
Abschied · Wenn du gehst … · Zu spät … · Vale! · In Memoriam · Ein Märchen · In
deiner Seele … · Ghasel · Frau Heimat · Werben · Durch die kleinen, krummen
Gassen … · In meiner Heimat stillen Gassen … · Entfaltung · „Zum stillen
Schragen“ · Mein Gewinn · An Frl. Traude Albano · Chrysanthemen-Gruß · Ein Lied
· Mein Töchterchen · Am liebsten · O, Heimat! · Die Sonne sinkt.
BIBLIOGRAFIE
Erläuterungen
Chronologisches Verzeichnis
Alphabetisches Verzeichnis der Erzählungen
Alphabetisches Verzeichnis der Gedichte und Dramen
Abbildungen
Ausgewählte Sekundärliteratur
ANHANG
Karlernst Knatz: Ein Geleitwort [zu Der Marsspion] (1908)
Fünf Briefe von Carl Grunert an Kurd Laßwitz (1903–1908)
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Über das Buch
Die Erzählungen
Von Carl Grunerts Novellen, die man heute wohl zu einem großen Teil als „Scientific
Romances“ – immerhin 18 von 33 Novellen sind solche im Wissenschafts-Milieu
spielenden Liebesgeschichten – oder sogar als „Science Fiction“ bezeichnen
würde, haben nur einige wenige die seit ihrer ersten Veröffentlichung zu
Anfang des 20. Jahrhunderts (zwischen 1903/1904 und 1914) vergangenen
Jahrzehnte vorwiegend deshalb überdauert, weil sie in den siebziger und
achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts in vereinzelten
Kurzgeschichten-Sammlungen nachgedruckt worden sind. Der größere Teil seiner
Novellen (Romane hat er, soweit bisher bekannt, nicht geschrieben,
jedenfalls nicht veröffentlicht.) ist aber, ebenso wie seine Gedichte und
seine Theaterstücke, inzwischen weitgehend aus dem Blickfeld geraten.
Carl Grunert kannte und schätzte zwar seit seinem
zwölften Lebensjahr Jules Verne, vor allem aber war er, wie schon erwähnt,
ein großer Bewunderer und Verehrer des „Vaters der deutschen Science Fiction“,
Kurd Laßwitz, dem er nachzueifern versuchte, wozu er sich auch offen
bekannte, also kein bloßer Plagiator sein wollte. So gibt es in Grunerts
utopisch-technischem Werk (nach derzeitigem Stand 33 Novellen) mehrere
Erzählungen, die Motive aus den Werken von E. T. A. Hoffmann (1776–1822),
Jules Verne, Kurd Laßwitz und H. G Wells aufgreifen und reflektieren,
daneben aber auch durchaus eigenständige Ideen in origineller Weise
vorstellen. Viele dieser Novellen, obwohl sie am wenigsten bekannt sind,
haben bis heute ihren Reiz behalten und sind vergnüglich und teilweise sogar
sehr spannend zu lesen.
Aus seinem Zueignungs-Gedicht in Im irdischen
Jenseits ist zu entnehmen, dass er „Aus schwerer Krankheit neu erwacht
zum Lichte …“ und „… gefesselt noch von fliehender Krankheit Bann …“ den
1897 erschienenen zweibändigen Roman Auf zwei Planeten von Kurd
Laßwitz gelesen hatte und von ihm stark beeindruckt, ja „gefangen“ war.
Neben dem ausgiebigen Gebrauch des Gedankenstrichs, sei
es als Mittel der Verstärkung oder als „Pausenzeichen“, fällt auf, dass
Grunert sehr oft seltsame Namen verwendete: Der geduldige niederländische
Leiter der Friedenskonferenz in Den Haag heißt in der Novelle Im Fluge
zum Frieden „van Geduldjen“, der unaufrichtige (also lügende) britische
Vertreter heißt „Lyell“, der ernste deutsche Abgesandte trägt den Namen
„Ernst“. Ein scheinbar unzerbrechlicher Erfinder heißt in der gleichnamigen
Novelle „Mr. Infrangible“, sein Widerpart, ein bluffender Unternehmer, nennt
sich „Mr. Bluff“. Ein Professor, der sich mit der Erforschung der
Menschenaffen befasst, trägt in der Novelle Der schreibende Affe den
Namen „Monkey“. Der Finder besagten Eies in Das Ei des Urvogels in
der Sammlung Der Marsspion heißt „Dr. Finder“, der beglückte
Professor „Diluvius“. Ein schreibgewandter Journalist heißt, wie die Novelle
selbst, „Vivacius Style“, sein Arzt „Magnus Magician“. Der eine Astronom in
Das Ende der Erde? heißt „T. E. Leskop“, der andere „O. B. Servator“.
Die Motive Grunerts hierfür sind nicht erkennbar, zumal zumindest die
letztgenannte Novelle nicht als Humoreske angesehen werden kann.
Andererseits lässt er in Der Marsspion in der realen Sternwarte in
Flagstaff (Arizona, USA) den realen Astronomen Mr. ([Percival] Lowell und
seinen ebenso realen Assistenten [Carl Otto] Lampland auftreten.
Eine Würdigung seines Werkes 5, auch wenn man sich nur
auf seine Novellen beschränkt und die fast vergessenen Gedichte und Dramen
beiseite lässt, fällt nicht leicht: Carl Grunert hat stets auf seine
Vorbilder, vor allem auf Laßwitz, hingewiesen und eingeräumt, dass seine
„Skizzen … von ihrem Vorbild noch | Soweit entfernt, als wie die Nacht vom
Tag“ waren 6, doch hat er im weiteren Lauf seines Schaffens an Sicherheit
gewonnen und auf seinem Gebiet der Kurzgeschichte (also der deutschen
„SF-Story“) eine Bahn gebrochen und einige literarische Perlen hinterlassen.
Von den 33 Novellen stehen einige in einem inneren
Zusammenhang oder wenigstens doch in lockerer Beziehung zueinander:
In drei Novellen (Die Radiumbremse, Adam Perennius, der Zeitlose und
Mysis) bildet die „Abendschule“, eine Art gehobener literarischer
Stammtisch, das Handlungsfeld, in dem ein Ich-Erzähler (Grunert?) berichtet
und in der Novelle Mysis (enthalten in Der Marsspion) an eine
in Feinde im Weltall? enthaltene Vorgeschichte anknüpft. Vorbild für
diese „Abendschule“ könnten E. T. A. Hoffmanns „Serapionsbrüder“ oder, in
verkleinerter Version, die von Kurd Laßwitz mitbegründete und maßgeblich
geprägte Gothaer „Mittwochs-Gesellschaft“ gewesen sein.
Die Novellen Der Mann aus dem Monde, Die Maschine
des Theodulos Energeios und Der Ätherseelenmensch stehen insofern
in einem Zusammenhang, als der Ich-Erzähler (Grunert?) in beiden Fällen u.
a. von seinem „Freund Hintze“ berichtet; ein „Professor Hintze“ spielt auch
eine Rolle in der Erzählung Gefangener Sonnenschein aus der Sammlung
Im irdischen Jenseits. In den Novellen Die Fern-Ehe und Das
Geschenk des Oxygenius werden erstmals Personen (z. B. Fritz Oldenburger
und Felix und Maud Ridinger) eingeführt, die uns 1908 in Ballon und
Eiland im Sammelband Der Marsspion wieder begegnen.
Die wenig bekannte Novelle Das weiße Rätsel
überrascht auch die heutigen Leserinnen und Leser als „moderne“
UFO-Entführungs-Geschichte. Zwar hat es in der utopisch-phantastischen
Literatur auch vorher schon Begegnungen von Menschen mit Außerirdischen und
Mitnahmen in deren Weltraumfahrzeugen gegeben, aber Das weiße Rätsel
wirkt in keiner Weise antiquiert, sondern strahlt eine Spannung und einen
„sense of wonder“ aus, die von heutigen Autoren und Filmemachern kaum
eindrucksvoller erreicht werden.
Gleiches gilt für Ein Rätsel der Lüfte: Die hier
unternommenen Versuche, eine unvertraute Himmelserscheinung zu deuten und
dabei auf natürliche oder technische Ursachen zurückzuführen, nehmen die
Argumentationsweisen und die Diskussion vorweg, die sich Ende der vierziger
und Anfang der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts an den ersten
UFO-Meldungen entzündeten. Sogar das Problem der Auswertung fotografischer
Aufnahmen als Beweismittel wird plastisch geschildert.
Die in Menschen von morgen enthaltene Novelle
Das Geschenk des Oxygenius knüpft schon dem Titel nach und auch
inhaltlich an Jules Vernes Le Docteur Ox (1874; dt. Eine Idee des
Doktor Ox, 1875) an, behandelt aber nicht nur die Auswirkungen eines
erhöhten Sauerstoffgehalts in der Atmosphäre auf Menschen, sondern auch auf
Verbrennungsmotoren und Dampfmaschinen, insbesondere Lokomotiven. In der
Ausführungstiefe steht Grunert damit zwischen Jules Vernes Novelle Doktor
Ox und Raymond F. Jones’ Roman The Year when Stardust Fell (1958;
dt. Sternenstaub, UTOPIA-GROSSBAND 124, Rastatt:, Erich Pabel, 1960),
in dem die allgemeinen gesellschaftlichen Folgen des Versagens von Maschinen
bis hin zu Hungersnöten drastisch geschildert werden.
Die Novelle Die Maschine des Theodulos Energeios
hat offenbar Bezüge zu Grunerts über Jahre hindurch schlechten
Gesundheitszustand. Schon in seiner erstmals 1907 erschienenen und 1908 in
Der Marsspion und andere Novellen nachgedruckten Novelle Heimkehr
behandelte Grunert das Thema der schwindenden Lebenskräfte und damit seine
eigene Befindlichkeit.
Die am weitesten verbreitete letzte Novellen-Sammlung
Der Marsspion und andere Novellen, die in mehreren Ausgaben und
Einbandvarianten (erstmals 1908) erschienen ist, enthält, bis auf die schon
1907 veröffentlichten Novellen Heimkehr und Mr. Vivacius Style,
ausschließlich Originalbeiträge. Die immer wieder zitierte Zeitreise-Novelle
Pierre Maurignacs Abenteuer ist später, wie sich der Bibliografie
entnehmen lässt, mehrfach nachgedruckt worden. In Meidingers Knaben-Buch
ist die Erzählung übrigens 1921 unter dem Titel Abenteuerliche Reisen mit
der Zeitmaschine und in eingedeutschter Fassung enthalten: Aus Pierre
wurde Peter, aus Jeanne Hilde, aus dem Maire der Bürgermeister usw.
Gerade Der Marsspion, Das Ei des Urvogels und Pierre Maurignacs
Abenteuer enthalten deutliche Bezüge zum Werk von H. G. Wells, der in
der letztgenannten Novelle sogar durch ein Telegramm zum Mitwirkenden wird.
Ballon und Eiland wirkt wie eine Kurzfassung von Jules Vernes
Geheimnisvoller Insel. In dieser Novelle treffen wir in dem Ehepaar Fritz
und Grete Oldenburger übrigens Bekannte aus der Sammlung Im irdischen
Jenseits wieder, ebenso wie in Mysis den Protagonisten Justus Starck aus
Feinde im Weltall?. Katalyse zeigt sich als originelle
Liebesgeschichte. Die letzte Novelle, Heimkehr, enthält, wie schon
ausgeführt, autobiografische Züge: Der Erzähler (Grunert) wird durch eine
wundersame Brille u. a. in die Lage versetzt, gespiegelt durch die Scheiben
eines Stadtbahnzuges, seinen kranken, in jeder Hinsicht verbrauchten und
kurz vor dem Ende stehenden Körper zu erkennen.
Das Geleitwort zur 1908 erschienenen Novellensammlung
Der Marsspion (Grunert hatte sich eigentlich den Titel „Im
Königreiche Nirgendwo“ gewünscht; dieser Wunsch wird ihm nun mit der
vorliegenden Neuausgabe nachträglich erfüllt.) hat der Chefredakteur der
Zeitschrift ARENA, Karlernst Knatz (1882–1951), geschrieben. Dies
Geleitwort, das im Anhang wiedergegeben wird, enthält einige wenige Hinweise
zu Grunerts Biografie und eine erste ausdrückliche Würdigung seines Werkes.
Gedichte
Carl Grunert hat seit 1887 mehrere Gedichtbände verfasst. Der literarische
Wert seiner Gedichte wird, zumindest heute, nicht allzu hoch eingeschätzt.
Jedenfalls überwiegen, vor allem in den frühen Sammlungen, die „schlichten“
Gedichte. Die 1910 bzw. 1911 erschienenen Sammlungen Lieben und Leben
und Aus meiner Welt weisen allerdings einige „Perlen“ auf.
Freunde der Grunert’schen Zukunfts-Novellen werden sich für seine Gedichte
(vor allem für die „schlichten“) kaum erwärmen können. Wenn die Gedichte
dennoch in diese Gesamtausgabe aufgenommen worden sind, so hat das zwei
Gründe:
Die Gedichtbände, vor allem die frühen, sind heute in
Antiquariaten und auch in öffentlichen Bibliotheken kaum noch vorhanden und
konnten teilweise nur aus dem Ausland über die Fernleihe erreicht werden. Es
war mir daher ein Anliegen, diese Gedichte im Rahmen dieser (bis auf die
Dramen) auf Vollständigkeit ausgerichteten Neuausgabe überhaupt wieder
zugänglich zu machen.
Ein weiterer Grund wiegt schwerer: Da über Grunerts
Leben (und Leiden) nur wenige unmittelbare Informationen vorliegen, können
viele Gedichte seine Befindlichkeit, seine lebenslange Angst vor dem
Zurückgewiesenwerden, vor dem Verlassenwerden, deutlich machen. Überhaupt
haben einige der Gedichte, wenn auch verschlüsselt, autobiografischen
Charakter. Dass, wie schon erwähnt, der Sohn Hans (und wahrscheinlich auch
eine Tochter Else) früh gestorben sind, ist überhaupt nur aus zwei Gedichten
(Auf den Tod meines kleinen Sohnes Hans, 1907; Mein Töchterchen,
1911) zu entnehmen.
Editorische Hinweise
Dieser Gesamtausgabe liegen die unten aufgeführten Ausgaben „letzter Hand“
(also die zu Grunerts Lebzeiten zuletzt erschienenen) Veröffentlichungen
zugrunde, die zwischen 1887 und 1914 in folgenden Sammelbänden und
Zeitschriften erschienen sind oder sich im Nachlass von Kurd Laßwitz
befinden. Weitere Daten enthält die Bibliografie am Ende des Buches.
© 2011 Dieter von Reeken
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