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Percy Greg
Jenseits des Zodiakus
Der Bericht einer Reise nach dem Mars
, dechiffrirt, übersetzt und herausgegeben von Percy Greg
Nachdruck der 1882 in 4 Bänden erschienenen einzigen deutschen Ausgabe (Berlin: Kogge & Fritze; b
ritische Originalausg.: Across the Zodiac. The Story of a Wrecked Record. London: Trübner & Co., 1880, 2 Bde.) im Neusatz in einem Band.  — Hardcover (laminierter Pappband, gerundeter Rücken, Kapitalband, Lesebändchen), 324 Seiten. Vorwort, Reproduktionen
30,00 €ISBN 978-3-940679-12-3

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Das Buch ist am 28.Februar erschienen.

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Percy Greg

Percy Greg (1836–1889) war ein britischer Historiker und Schriftsteller. Als Brite war er, knapp hundert Jahre nach der Unabhängigkeit der USA von Großbritannien, den USA gegenüber, die noch dabei waren, sich von den Folgen des Bürgerkriegs zu erholen, sehr negativ eingestellt, was schon zu Beginn des Romans deutlich wird. Die aus seiner Sicht erstrebenswerten gesellschaftspolitischen Verhältnisse formuliert Greg, abseits von den damals „modernen“ mehr oder weniger utopischen Visionen im Umfeld der Industrialisierung mit ihren Folgen, in der Form eines „aufgeklärten Kapitalismus“ mit starken Elementen des Feudalismus. Man könnte Greg heute als Verfechter einer Art „sozialen Marktwirtschaft“ bezeichnen.

Jenseits des Zodiakus

In seinem erstmals 1880 in einer zweibändigen Ausgabe in London erschienenen Mars-Roman Across the Zodiac schildert er eine Reise zum Mars und den Aufenthalt dort unter den „Martialisten“. Der Mars war gerade erst kurz zuvor (1877) durch die Entdeckung der beiden Marsmonde Phobos und Deimos durch A. Hall und durch die Entdeckung der (fälschlicherweise mit „Kanäle“ übersetzten) „canali“ („Rinnen“) durch G. Schiaparelli in das Zentrum des Interesses gerückt.

Während der Reise, die auf dem Wege der Schwerkraft-Beeinflussung erfolgt, erleben die Personen des Romans die Schwerelosigkeit mit all ihren Tücken u. a. bei der Einnahme von Speisen und Getränken, die Gefahren durch Meteor-Ströme und die ungetrübte Klarheit des Sternenlichts. Auf dem Mars selbst entdecken die Reisenden eine fortgeschrittene Zivilisation, die aber auch ihre Schattenseiten hat.

Wichtig ist der vorliegende sehr seltene Roman nicht nur als einer der ersten Mars-Raumflug-Romane, sondern auch wegen seiner anregenden Wirkung auf spätere Autoren, z. B. auf Herbert George Wells, der seine ersten Menschen im Mond später (1901) ebenfalls durch Beeinflussung der Schwerkraft zum Mond und zurück reisen lässt.

Inhalt:

Vorbemerkungen
Reproduktionen

Erster Band
1. Der Schiffbruch
2. Die Abfahrt
3. Die Reise
4. Eine neue Welt
5. Sprache, Gesetze und Sitten
6. Ein offizieller Besuch
7. Beschützerpflichten
Zweiter Band
8. Ein Glaube und sein Gründer
9. Sitten und Gebräuche
10. Weib und Ehe
11. Eine Fahrt über Land
12. Auf dem Flusse
13. Die Kinder des Lichts
14. Auf dem Meere
15. Martiale Jagdabenteuer
Dritter Band
16. Unruhige Wasser
17. Vorstellung bei Hofe
18. Ein Fürstengeschenk
19. Eine vollständige Einrichtung
20. Sociales und häusliches Leben
21. Privat-Audienz
22. Eigenthümliche Institutionen
23. Eunane’s Freundin
Vierter Band
24. Winter
25. Abfall und Verrath
26. Zwielicht
27. Im Thale der Schatten
28. Noch tieferes Dunkel
29. Azrael
30. Lebewohl

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Leseproben aus »Jenseits des Zodiakus«

Beginn des 1. Kapitels (Der Schiffbruch)

Nur ein einziges Mal habe ich auf allen meinen während des langen Zeitraums von dreißig Jahren gelegentlich unternommenen Reisen den Verlust eines wichtigen und nöthigen Gepäckstückes zu beklagen gehabt, und dieser Verlust traf mich nicht etwa unter dem heillos zerfahrenen Wirrwarr englischer Bahninstitutionen, nicht unter der künstlich verfeinerten Mißwirthschaft kontinentaler Eisenbahnverwaltungen, sondern bei oder trotz der absoluten Vollkommenheit des amerikanischen Systems.
     Ich sah mich dieserhalb genöthigt, einen nach jenen Gegenden projektirten Ausflug, in denen Cooper einige seiner schönsten Lederstrumpf-Erzählungen sich abspielen läßt, vollständig aufzugeben, so schwer mir auch dies Opfer ward, und schleunigst nach New-York hinaufzueilen, um den Verlust zu ersetzen.
     Dieser Zwischenfall führte mich eines Abends, es war Mitte September des Jahres 1874, an Bord eines Flußdampfers, der zwischen Albany, der Hauptstadt des Staates gleichen Namens und der Metropole die Verbindung unterhielt.
     Die Ufer des unteren Hudson sind zwar sicher ebenso sehenswerth, wie die des Rheins selber, indeß selbst in Amerika ist man noch nicht darauf gekommen, sie des Nachts bengalisch zu beleuchten und blieb mir daher als einzige Zerstreuung nur die Unterhaltung mit meinen Reisegefähren übrig. Mit Einem derselben, in welchem ich an seinem vornehmen, zurückhaltenden Benehmen den Engländer erkennen zu müssen glaubte, sprach ich von meiner Reise nach dem Niagara, jenem einen Weltwunder, das zweifellos in seiner Großartigkeit einzig dasteht, sowie von meinem Aufenthalt in Montreal; als ich mich jedoch über das allgemeine, mächtige Anhänglichkeitsgefühl, die unerschütterliche Loyalität und Treue der Canadier für die Englische Krone des Weiteren ausließ, unterbrach mich einer der zuhörenden Herren, ein Yankee, mit den Worten:
     „Denke, Fremdling,“ sagte er, „denke, könnten unser sein, wenn wir sie wollten.“
     „Gewiß,“ erwiderte ich ihm, „wenn Sie den Preis nicht scheuen, dann aber dürften Sie dieselben höher taxiren, als sie sich selber schätzen; und Englands Kolonisten stehen in Stolz und Selbstvertrauen selbst Bürgern der Musterrepublik Amerikas in gar Nichts nach.“
     „Nun gut,“ sagte er, „was rechnen Sie, werden wir zu zahlen haben?“
     „Vielleicht nicht mehr, als in Ihren Kräften steht: nur Kalifornien und jeden einzigen Seehafen, den Sie besitzen.“
     „Denke, Sie dürften einigermaßen im Rechte sein, Fremdling,“ antwortete er und lehnte mit erträglich guter Laune in seinem Stuhl zurück. Um den übrigen den übrigen Reisegefährten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, darf ich nicht zu bemerken vergessen, daß sie in meiner Erwiderung nichts Böses sahen und gar nichts Anderes, als die verdiente Antwort auf jene Provokation.
     „Ich bedaure es,“ sagte mein Freund zu mir, „daß Sie ein Beispiel jener unliebsamen Charaktere kennen gelernt haben, wie sie Ihre Landsleute mit leider nur zu gutem Rechte Amerikanern zuzuschreiben pflegen, ich habe mich nie einer derartig unhöflichen Behandlung unter Engländern ausgesetzt gesehen, wenn man dort in mir den
Amerikaner erkannt hatte; und dennoch habe ich lange Zeit unter ihnen gelebt!“
     Hierauf begann unsere Unterhaltung nach und nach etwas freier und ungezwungener zu werden und bald hatte ich erfahren, daß ich zu einem der bekanntesten Führer irregulärer Kavallerie der einstigen konföderirten Armee sprach, der seine Schwadronen mit so gewandter Hand, so sicherer Umsicht und so großer Keckheit geleitet hatte, wie Reiterschaaren kaum je seit jenen Tagen mehr geführt worden.
     Oberst A. (der Leser wird es erfahren, aus welchem Grunde ich weder den richtigen Namen noch auch den wahren Rang angeben darf) sprach mit einer gewissen Bitterkeit des Tones über die Neugierde aller seiner Landsleute, die es fast ganz unmöglich mache, einem Amerikaner ein Geheimniß anzuvertrauen, und herzlich schwer, ein solches wirklich zu bewahren, ohne sich in allerhand Lügen zu verwickeln.
     Hier wurden wir von dem Major B. unterbrochen, der auf uns zukam, um sich an unserer Unterhaltung zu betheiligen. Dem Major, dem während des Krieges die Ausführung mancher hochwichtigen Meldung anvertraut gewesen, wobei er eine außerordentliche Geschicklichkeit, Chiffreschriften zu lösen und zu enträthseln, entwickelt hatte, brachte die Konversation auf dieses Thema, und bald hatte sich darüber eine äußerst lebhafte Diskussion erhoben; ich für mein Theil neigte der Poe’schen Lehre zu, daß keine Chiffreschrift geschrieben werden kann, die eine andere, allerdings nothwendigerweise erfahrene Hand nicht auch enträthseln könnte; die anderen Herren aber zeigten offenbar ganz einfache Methoden, den Prozeß, an den die Entzifferer nothwendig gebunden sind, vollständig zu vereiteln.
     „Poe’s Theorie,“ erklärte der Major, „beruht auf der wiederholten, häufigen Wiederkehr gewisser Buchstaben, Silben und einzelner kurzen Worte, nun ist es aber einfach, für jedes dieser kurzen Wörtchen, dieser Redensarten Abkürzungen in den Text einzuführen, und um . . .

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Beginn des 3. Kapitels (Die Reise)

Meine ängstliche, gefährliche Lage hatte mich wenig beunruhigt, so lange ich alle Hände voll zu thun hatte mit Steuern und anderen Manipulationen der Maschinerie; so lange noch dies wunderbare neue Schauspiel des Weltenraumes überwältigend auf mich eindrang; jetzt aber, da ich schlafen wollte, packte mich Entsetzten und grause, wilde Träume störten und schreckten meine Ruhe. Zwei oder drei Mal wachte ich auf, eilte an den Metakompaß und ein Mal ward es nöthig, das Steuer anders zu stellen, denn die Sterne, nach welchen ich mich richten mußte, hatten ihre Lage auf dem Spiegel verändert.
     Endlich erhob ich mich von meinem Lager und erhellte meine Behausung durch ein glänzendes, taghelles Licht, welches von einer elektrischen Lampe ausgestrahlt wurde. Hierauf machte ich mich an mein Frühstück, das mir, da ich seit mehreren Stunden vor dem Aufsteigen nichts mehr zu mir genommen hatte, ganz vortrefflich mundete. Ich muß gestehen, mich hatte einige Angst beschlichen, daß ich vielleicht den Siedepunkt in dieser ganz enormen Höhe nicht erreichen möchte, hierin hatte ich mich jedoch getäuscht und fand bald, daß dies allein vom Druck der Atmosphäre abhängt, und daß dieser Druck in keiner Weise hier oben, etwa durch die Abwesenheit der Schwerkraft, affiziert wird. Da aber meine Atmosphäre etwas dichter, denn die der Erde war, so war der Siedepunkt hier oben nicht, wie unten 100°, sondern 101° Celsius; die innere mittlere Temperatur des Fahrzeugs war ungefähr 5° Celsius; ganz ohne Zweifel recht erheblich kühl, jedoch mit Hilfe eines warmen Flausrock immerhin erträglich. Mein außerhalb des Fensters angebrachter Thermometer war leider zerbrochen, und so gelang es mir nicht, die Kälte des Raumes zu messen, dieselbe ist aber zweifelsohne bedeutend stärker als man bis jetzt angenommen hat.
     Als ich meine Mahlzeit beendet hatte und eine, mit Rücksicht auf die Atmosphäre vosichtigerweise nur ganz winzige Cigarre rauchte, zeigte mein Chronometer die zehnte Morgenstunde.
     Es war kaum überraschend, daß mit der Zeit die Schwerkraft hier so gut wie ganz aufhörte, so daß, als ich den kleinen Finger in eine Schlinge eines ausgespannten Seils einlege, ich ohne jede Mühe für eine ganze Viertelstunde, ja noch länger, mein eigenes Gewicht zu tragen vermochte; thatsächlich hatte ich in dieser Zeit auch absolut kein Gefühl von Müdigkeit oder Anstrengung meiner Muskeln. Dieser Umstand hatte eine große Unannehmlichkeit im Gefolge: nichts stand mehr fest und was nicht gerade niet- und nagelfest gewesen, ward Alles durch den geringsten Anlaß umgeworfen. Indeß war ich dem Uebel soweit zuvorgekommen, daß ich die wichtigsten Gegenstände schon vorher befestigt hatte, und höchstens mußte ich es mir gefallen lassen, daß mir beim Frühstück der Löffel meinen Eierbecher und die Eier mitsammt der vollen Kaffeetasse umwarf. Das Unglück war nicht gerade zu groß, da mir der größere Theil des Getränkes nicht verloren ging; denn selbst Blei und Eisen, um wieviel mehr nicht Porzellan und gar Flüssigkeiten fielen in dem Astronaut so langsam wie etwa Federn auf der Erde. Immerhin blieb es für mich eine merkwürdige, neue Erfahrung, mich nach jeder Richtung hinlehnen und in beinahe jeder Stellung verharren zu können. —
     Ich beschäftigte mich den ganzen Tag mit abstrakten Berechnungen und da ich wußte, daß ich für einige Zeit von der Erde, die ihre dunkle Seite mir zuwandte, nichts würde sehen können, und daß ich andererseits auch noch nicht in eine Sphäre eingetreten sei, wo neue Himmels-Phänomene zu erwarten wären, so warf ich nur noch einen flüchtigen Blick auf meinen Diskometer, sowie auf den Metakompaß, löschte das elektrische Licht m meinem Schiff und hielt Siesta bis in die 19te Stunde, d. h. nach irdischer Zeit, bis 7 Uhr nachmittags. Die Erde erschien zu dieser Zeit, wohl weil sie finster war, kaum erheblich größer, als der am Horizonte aufgehende Vollmond. Ich sah sie jetzt, wenn ich aus meinem unteren Fenster schaute, ziemlich aus derjenigen Richtung, aus welcher ein Mondbewohner auf sie blicken müßte, und gleich wie auch der Mondbewohner während der Eklipse rund nm die Erde einen durch die Refraktion der Sonnenstrahlen in der irdischen Atmosphäre geschaffenen Hof entdecken dürfte. so sah auch ich die Erde mit einem solchen Hof umgeben, der fast, wenn auch nicht ganz, an Glanz, Helle und Pracht, der bei Sonnenfinsternissen sichtbaren Korona glich. Um dieses Zauberbild zu malen, würde selbst der Pinsel des genialsten Künstlers unzureichend sein; um es mit seiner Schöne, seinem Glanze meinen Lesern in Worten anschaulich zu schildern, müßte ich ein Dichter sein, wie es keinen seit Homer gegeben hat.
     Wenn ich auch nicht die Menge jener Sterne, unter welchen ich zu reisen schien, zählte und zählen konnte, so sah ich doch bald, daß, wenn man unten auf der Erde auch sich ihre Anzahl gleich dem Sand am Meere vorstellt, man sich doch keinen rechten Begriff von ihrer wirklich unendlichen Zahl zu machen vermag. Wir sehen von der Erde aus so wenig Sterne, daß wir mit Leichtigkeit besonders hellerglänzende Gestirne zu Sternbildern wie Bär und Orion verbinden können, ich aber vermochte hier nur mit vieler Mühe, sie von der anderen ungeheuren Menge auszusondern. Dabei besaß das Auge keinen instinktiven Sinn für die Entfernung; es war, als ob ein jeder einzige Stern mit einem Steinwurf zu erreichen wäre. Ich brauche wohl schwerlich erst noch zu bemerken, daß, wenn ich einerseits das Fortbewegen meines Fahrzeugs absolut nicht merkte, ich andererseits auch keine Aenderung meiner Stellung zu den Sternen wahrnahm. Doch neu und interessant erschien mir, daß ich nicht nur die Gestirne des nördlichen und südlichen Himmels. die von keinem Punkte der Erde aus gleichzeitig sichtbar sind, sondern die ganze Runde der Himmelskugel aus meinen Fenstern überblicken konnte.

     Der erste Tag der Reise ging zu Ende, mein Chronometer zeigte 23,30, d. h. die Mitte der vierundzwanzigsten Stunde des Tages. Ich inspizirte meinen Barykrit und fand, daß ich um etwas ferner von der Erde war als der Mond in seinem weitesten Abstand von der Erde. Es ging daraus noch nicht hervor, daß ich die Mondbahn gekreuzt hatte und wenn ich es gethan, war die Entfernnng doch zu groß. als daß mein Kurs ernstlich dadurch beeinflußt werden konnte. Ich richtete das Steuer und legte mich — der zweite Tag der Reise hatte schon begonnen — zur Ruhe nieder.
     Als ich mich in der fünften Morgenstunde erhob, fiel mir das Welken vieler Blätter, besonders an den Sträuchern und den großen Pflanzen, auf. Ich war zwar darauf vorbereitet, indessen wäre es mir doch ungelegen gekommen, alle meine Pflanzen hinsterben zu sehen. Was sollte dann die Gase absorbiren, die zu vermehren ich sie eingepflanzt? Ich leitete also aus dem Thermogen (dem Wärmeerzeuger) auf beide Theile meines Gartens einen Strom und hoffte so, die Pflanzen vor den Unbilden der Kälte zu bewahren. Umsonst! Die Blätter welkten und fielen weiter. Dann kam ich auf einen anderen Gedanken; ich stellte einen Apparat aus Kupferdraht her, so zwar. daß ich die Enden der Drähte in unmittelbare Berührung mit den Wurzeln brachte und leitete durch dieses Drahtgeflecht einen schwachen Strom Elektrizität. Besserer Erfolg als ich erwartet hatte lohnte meine Mühen und Dank der neuen Vorrichtung konnte ich die Pflanzen beinahe alle bis zum Ende meiner Reise mir erhalten. —
     Es wäre nichts wie Zeitverschwendung gewesen, während der Wochen, welche ich in der Einsamkeit meines künstlichen Planeten verlebte, ein Tagebuch zu führen. Die Monotonie der Reise durch den Raunt ist begreiflicherweise noch weit größer als die einer Seereise, wo uns auch nur hin und wieder Schiffe begegnen und der Anblick eines Eilandes ein bemerkenswertes Ereigniß ist. Dennoch mußte ich stets aufmerksam ausspähen, daß mir nicht doch etwa ein Umstand von Bedeutung entginge, auf jener Fahrt durch Regionen, die selbst das stärkste Teleskop nur unvollständig durchforschen kann! Ich konnte mich also keinenfalls zu einer ernstlichen Beschäftigung niedersetzen, und es wird demnach kaum befremdlich erscheinen, daß meine Reise, die so vollständig ohne Ihresgleichen dasteht, für mich selbst höchst eintönig und langweilig war. Indeß die neuen Bilder, welche sie bot, so interessant und staunenswerth sie an sich sein mochten, waren doch bald gesehen und begriffen und selbst die unheimlich düstere Finsterniß, mit ihren abertausend glitzernden und flimmernden Lichtpunkten, vermochte auf die Dauer kaum ein angenehmeres Schauspiel zu bieten, als es die Aussicht vom Deck eines transatlantischen Dampfers auf die schweren, dunklen Wolken des Himmels auch gewährt, ja innerhalb des Luftschiffes ward mir offenbar noch weit weniger Abwechselung geboten, als Passagieren auf einer Seereise. Rings um mich herum blieb, abgesehen von der Richtung, in welcher noch die Sonne von der Erdscheibe verfinstert wurde, Alles vollständig unverändert, die Leitung der Maschinerie nahm meine Zeit nur hin und wieder für einige Minuten in Anspruch, und nicht einmal Tag und Nacht wechselte hier oben ab, denn die Sonne und die Sterne blieben immer gleichzeitig am Himmel; kurz sollte ich den Lesern schildern, wie ich die Tage und die Stunden zugebracht, ich müßte fürchten, sie noch viel mehr zu langweilen als ich mich damals selbst gelangweilt habe. Daher will ich mich denn auch jeder überflüssigen Schilderung enthalten und nur Momente von besonderer Wichtigkeit erwähnen.
     Beim Anfang wie zu Ende meiner Reise mußte ich, geleitet von verschiedenen Erwägungen, die Hauptrichtung der Fahrt verändern. Ich war bisher gerade in die Höhe südwärts von der Erde aufgestiegen und mußte jetzt die letzte Zeit dazu verwenden, allmälig auf den Mars hinabzusteigen und den Prozeß des Aufstiegs von der Erde dabei in umgekehrter Weise ausführen. Ich mußte den Mars während seiner Opposition zur Erde erreichen und während meiner ganzen Fahrt die letztere zwischen mir und der Sonne behalten ans Gründen, welche für den ersten Augenblick vielleicht nicht gleich begreiflich scheinen, da es ja nur in einzelnen Fällen, wie in dem meinen, zutrifft, daß Mars in seiner Opposition der Erde am nächsten ist. Nach den astronomischen Berechnungen sind die beiden Planeten an 40 Millionen Meilen in diesem Augenblick von einander entfernt. Nun aber überholt inzwischen die Erde, die die innere, die kleinere Bahn mit größerer Geschwindigkeit durcheilt, den Mars, indeß der Astronaut, beeinflußt von der Erdumdrehung um die Sonne, (daß er vom Einflusse der Erdbewegung um die eigene Achse sich befreit, habe ich bereits vorher erzählt) auf stetig weiteren Bahnen sich fortbewegt und daher trotz des Vorsprungs über den Mars den letzteren weniger überholte als die Erde und selbst hinter dieser zurück blieb.
     Hätte ich die Apergie benützt, mich nur direkt von der Sonne hinweg zu treiben, so würde ich täglich unter dem von der Erde her empfangenen Impulse an 1,600,000 Meilen machen, d. h. in 45 Tagen fast 72 Millionen Meilen in der beiden Planeten gemeinsamen Richtung zurücklegen, so daß ich schließlich in dem kritischen Momente einige 30 Millionen Meilen im Rückstande wäre. Dies sollte nun die apergische Kraft ausgleichen und mich zugleich in rechtem Winkel zu der Kreisbahn d. h. den Radius entlang, von der Sonne hinveg an 40 Millionen treiben. Wenn dieses mir gelang, könnte ich die Marsbahn zur festgesetzten Zeit und am erwünschten Punkte und damit auch den Planeten selbst erreichen.

     Schlug es mir aber fehl, so sah ich mich ganz allein dem Einflüsse der Sonnenanziehung ausgesetzt, welcher ich zu widerstehen allerdings wohl fähig war, die mir es aber sehr erschweren, wenn nicht unmöglich machen mußte, einen Planeten, welcher sich in aller Eile von mir fortbewegte, noch einzuholen. Und daher war es wünschenswerth, um mir im Falle der Noth einen Zufluchtsort zu sichern, die Erde so lange als möglich zwischen dem Astronauten und der Sonne zu haben. Nach Maßgabe dieser Erwägungen mußte fortan mein Kurs geleitet werden. Nach einer ganz einfachen, auf dem Prinzip des Parallelogramms der Kräfte basirten Berechnung verlieh ich dem apergischen Strome eine Kraft, die einer täglichen Bewegung von nah an 750,000 Meilen gleichkam. Mein Unternehmen konnte jetzt nur noch dann mißglücken, wenn meine Kalkulationen sieh als falsch erwiesen.
     Am sechsten Tage erblickte ich eine sogenannte Nebula. Sie lag, so schien es, genau in meinem Kurs, so daß, wie ich vermuthete, ich durch sie hindurchpassiren mußte. In wenigen Stunden veränderte sie derart ihre Lage und Gestalt, daß sie sich unmittelbar über mir befand und bald auch durch die obere Linse sichtbar wurde, indeß nicht mehr das Bild eines Nebels bot, sondern jetzt deutlich eine Anzahl kleiner glänzender Lichtpunkte. die allerdings nicht so hell wie die Sterne strahlten, erkennen ließ. Allmälig kamen sie näher und zeigten sich als Körper von beträchtlicher Größe aber unregelmäßiger Gestalt, und es ward mir klar, daß ich durch einen jener Meteoren-Ringe passiren mußte, die nach der Meinung der Astronomen in Unzahl im Raume existiren, und welchen man das Fallen von Sternschnuppen im August und im November zuzuschreiben pflegt. In Kurzem zogen alle jene Körper mit reißender Geschwindigkeit vor meinen Augen hin, indeß nur einer kam so nah, daß ich einigermaßen seine wirkliche Größe abschätzen konnte. Es war ein felsartiger Körper, und zeigte auf der Oberfläche Spuren von metallischen Adern, war aber glücklicherweise zu klein, einen störenden Einfluß auf den Astronauten ausüben zu können. [ . . . ]

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