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Percy Greg
Percy Greg (18361889) war ein britischer
Historiker und Schriftsteller. Als Brite war er, knapp hundert Jahre nach der
Unabhängigkeit der USA von Großbritannien, den USA gegenüber, die noch dabei waren,
sich von den Folgen des Bürgerkriegs zu erholen, sehr negativ eingestellt, was schon zu
Beginn des Romans deutlich wird. Die aus seiner Sicht erstrebenswerten
gesellschaftspolitischen Verhältnisse formuliert Greg, abseits von den damals
modernen mehr oder weniger utopischen Visionen im Umfeld der
Industrialisierung mit ihren Folgen, in der Form eines aufgeklärten
Kapitalismus mit starken Elementen des Feudalismus. Man könnte Greg heute als
Verfechter einer Art sozialen Marktwirtschaft bezeichnen.
Jenseits des Zodiakus
In seinem erstmals 1880 in
einer zweibändigen Ausgabe in London erschienenen Mars-Roman Across the Zodiac
schildert er eine Reise zum Mars und den Aufenthalt dort unter den
Martialisten. Der Mars war gerade erst kurz zuvor (1877) durch die Entdeckung
der beiden Marsmonde Phobos und Deimos durch A. Hall und durch die Entdeckung der
(fälschlicherweise mit Kanäle übersetzten) canali
(Rinnen) durch G. Schiaparelli in das Zentrum des Interesses gerückt.
Während der Reise, die auf dem Wege der
Schwerkraft-Beeinflussung erfolgt, erleben die Personen des Romans die Schwerelosigkeit
mit all ihren Tücken u. a. bei der Einnahme von Speisen und Getränken, die Gefahren
durch Meteor-Ströme und die ungetrübte Klarheit des Sternenlichts. Auf dem Mars selbst
entdecken die Reisenden eine fortgeschrittene Zivilisation, die aber auch ihre
Schattenseiten hat.
Wichtig ist der vorliegende sehr
seltene Roman nicht nur als einer der ersten Mars-Raumflug-Romane, sondern auch wegen
seiner anregenden Wirkung auf spätere Autoren, z. B. auf Herbert George Wells, der seine ersten
Menschen im Mond später (1901) ebenfalls durch Beeinflussung der Schwerkraft zum
Mond und zurück reisen lässt.
Inhalt:
Vorbemerkungen
Reproduktionen
Erster Band
1. Der Schiffbruch
2. Die Abfahrt
3. Die Reise
4. Eine neue Welt
5. Sprache, Gesetze und Sitten
6. Ein offizieller Besuch
7. Beschützerpflichten
Zweiter Band
8. Ein Glaube und sein Gründer
9. Sitten und Gebräuche
10. Weib und Ehe
11. Eine Fahrt über Land
12. Auf dem Flusse
13. Die Kinder des Lichts
14. Auf dem Meere
15. Martiale Jagdabenteuer
Dritter Band
16. Unruhige Wasser
17. Vorstellung bei Hofe
18. Ein Fürstengeschenk
19. Eine vollständige Einrichtung
20. Sociales und häusliches Leben
21. Privat-Audienz
22. Eigenthümliche Institutionen
23. Eunanes Freundin
Vierter Band
24. Winter
25. Abfall und Verrath
26. Zwielicht
27. Im Thale der Schatten
28. Noch tieferes Dunkel
29. Azrael
30. Lebewohl
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Leseproben aus
»Jenseits des Zodiakus«
Beginn des 1. Kapitels (Der
Schiffbruch)
Nur ein einziges Mal habe ich auf allen meinen
während des langen Zeitraums von dreißig Jahren gelegentlich unternommenen Reisen den
Verlust eines wichtigen und nöthigen Gepäckstückes zu beklagen gehabt, und dieser
Verlust traf mich nicht etwa unter dem heillos zerfahrenen Wirrwarr englischer
Bahninstitutionen, nicht unter der künstlich verfeinerten Mißwirthschaft kontinentaler
Eisenbahnverwaltungen, sondern bei oder trotz der absoluten Vollkommenheit des
amerikanischen Systems.
Ich sah mich dieserhalb genöthigt, einen nach jenen Gegenden
projektirten Ausflug, in denen Cooper einige seiner schönsten Lederstrumpf-Erzählungen
sich abspielen läßt, vollständig aufzugeben, so schwer mir auch dies Opfer ward, und
schleunigst nach New-York hinaufzueilen, um den Verlust zu ersetzen.
Dieser Zwischenfall führte mich eines Abends, es war Mitte
September des Jahres 1874, an Bord eines Flußdampfers, der zwischen Albany, der
Hauptstadt des Staates gleichen Namens und der Metropole die Verbindung unterhielt.
Die Ufer des unteren Hudson sind zwar sicher ebenso sehenswerth,
wie die des Rheins selber, indeß selbst in Amerika ist man noch nicht darauf gekommen,
sie des Nachts bengalisch zu beleuchten und blieb mir daher als einzige Zerstreuung nur
die Unterhaltung mit meinen Reisegefähren übrig. Mit Einem derselben, in welchem ich an
seinem vornehmen, zurückhaltenden Benehmen den Engländer erkennen zu müssen glaubte,
sprach ich von meiner Reise nach dem Niagara, jenem einen Weltwunder, das zweifellos in
seiner Großartigkeit einzig dasteht, sowie von meinem Aufenthalt in Montreal; als ich
mich jedoch über das allgemeine, mächtige Anhänglichkeitsgefühl, die
unerschütterliche Loyalität und Treue der Canadier für die Englische Krone des Weiteren
ausließ, unterbrach mich einer der zuhörenden Herren, ein Yankee, mit den Worten:
Denke, Fremdling, sagte er, denke, könnten
unser sein, wenn wir sie wollten.
Gewiß, erwiderte ich ihm, wenn Sie den Preis
nicht scheuen, dann aber dürften Sie dieselben höher taxiren, als sie sich selber
schätzen; und Englands Kolonisten stehen in Stolz und Selbstvertrauen selbst Bürgern der
Musterrepublik Amerikas in gar Nichts nach.
Nun gut, sagte er, was rechnen Sie, werden wir
zu zahlen haben?
Vielleicht nicht mehr, als in Ihren Kräften steht: nur
Kalifornien und jeden einzigen Seehafen, den Sie besitzen.
Denke, Sie dürften einigermaßen im Rechte sein,
Fremdling, antwortete er und lehnte mit erträglich guter Laune in seinem Stuhl
zurück. Um den übrigen den übrigen Reisegefährten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,
darf ich nicht zu bemerken vergessen, daß sie in meiner Erwiderung nichts Böses sahen
und gar nichts Anderes, als die verdiente Antwort auf jene Provokation.
Ich bedaure es, sagte mein Freund zu mir, daß
Sie ein Beispiel jener unliebsamen Charaktere kennen gelernt haben, wie sie Ihre
Landsleute mit leider nur zu gutem Rechte Amerikanern zuzuschreiben pflegen, ich habe mich
nie einer derartig unhöflichen Behandlung unter Engländern ausgesetzt gesehen, wenn man
dort in mir den
Amerikaner erkannt hatte; und dennoch habe ich lange Zeit unter ihnen gelebt!
Hierauf begann unsere Unterhaltung nach und nach etwas freier und
ungezwungener zu werden und bald hatte ich erfahren, daß ich zu einem der bekanntesten
Führer irregulärer Kavallerie der einstigen konföderirten Armee sprach, der seine
Schwadronen mit so gewandter Hand, so sicherer Umsicht und so großer Keckheit geleitet
hatte, wie Reiterschaaren kaum je seit jenen Tagen mehr geführt worden.
Oberst A. (der Leser wird es erfahren, aus welchem Grunde ich
weder den richtigen Namen noch auch den wahren Rang angeben darf) sprach mit einer
gewissen Bitterkeit des Tones über die Neugierde aller seiner Landsleute, die es fast
ganz unmöglich mache, einem Amerikaner ein Geheimniß anzuvertrauen, und herzlich schwer,
ein solches wirklich zu bewahren, ohne sich in allerhand Lügen zu verwickeln.
Hier wurden wir von dem Major B. unterbrochen, der auf uns zukam,
um sich an unserer Unterhaltung zu betheiligen. Dem Major, dem während des Krieges die
Ausführung mancher hochwichtigen Meldung anvertraut gewesen, wobei er eine
außerordentliche Geschicklichkeit, Chiffreschriften zu lösen und zu enträthseln,
entwickelt hatte, brachte die Konversation auf dieses Thema, und bald hatte sich darüber
eine äußerst lebhafte Diskussion erhoben; ich für mein Theil neigte der Poeschen
Lehre zu, daß keine Chiffreschrift geschrieben werden kann, die eine andere, allerdings
nothwendigerweise erfahrene Hand nicht auch enträthseln könnte; die anderen Herren aber
zeigten offenbar ganz einfache Methoden, den Prozeß, an den die Entzifferer nothwendig
gebunden sind, vollständig zu vereiteln.
Poes Theorie, erklärte der Major, beruht
auf der wiederholten, häufigen Wiederkehr gewisser Buchstaben, Silben und einzelner
kurzen Worte, nun ist es aber einfach, für jedes dieser kurzen Wörtchen, dieser
Redensarten Abkürzungen in den Text einzuführen, und um . . .
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Beginn des 3. Kapitels (Die Reise)
Meine ängstliche, gefährliche Lage
hatte mich wenig beunruhigt, so lange ich alle Hände voll zu thun hatte mit Steuern und
anderen Manipulationen der Maschinerie; so lange noch dies wunderbare neue Schauspiel des
Weltenraumes überwältigend auf mich eindrang; jetzt aber, da ich schlafen wollte, packte
mich Entsetzten und grause, wilde Träume störten und schreckten meine Ruhe. Zwei oder
drei Mal wachte ich auf, eilte an den Metakompaß und ein Mal ward es nöthig, das Steuer
anders zu stellen, denn die Sterne, nach welchen ich mich richten mußte, hatten ihre Lage
auf dem Spiegel verändert.
Endlich erhob ich mich von meinem Lager und erhellte meine
Behausung durch ein glänzendes, taghelles Licht, welches von einer elektrischen Lampe
ausgestrahlt wurde. Hierauf machte ich mich an mein Frühstück, das mir, da ich seit
mehreren Stunden vor dem Aufsteigen nichts mehr zu mir genommen hatte, ganz vortrefflich
mundete. Ich muß gestehen, mich hatte einige Angst beschlichen, daß ich vielleicht den
Siedepunkt in dieser ganz enormen Höhe nicht erreichen möchte, hierin hatte ich mich
jedoch getäuscht und fand bald, daß dies allein vom Druck der Atmosphäre abhängt, und
daß dieser Druck in keiner Weise hier oben, etwa durch die Abwesenheit der Schwerkraft,
affiziert wird. Da aber meine Atmosphäre etwas dichter, denn die der Erde war, so war der
Siedepunkt hier oben nicht, wie unten 100°, sondern 101° Celsius; die innere mittlere
Temperatur des Fahrzeugs war ungefähr 5° Celsius; ganz ohne Zweifel recht erheblich
kühl, jedoch mit Hilfe eines warmen Flausrock immerhin erträglich. Mein außerhalb des
Fensters angebrachter Thermometer war leider zerbrochen, und so gelang es mir nicht, die
Kälte des Raumes zu messen, dieselbe ist aber zweifelsohne bedeutend stärker als man bis
jetzt angenommen hat.
Als ich meine Mahlzeit beendet hatte und eine, mit Rücksicht auf
die Atmosphäre vosichtigerweise nur ganz winzige Cigarre rauchte, zeigte mein Chronometer
die zehnte Morgenstunde.
Es war kaum überraschend, daß mit der Zeit die Schwerkraft hier
so gut wie ganz aufhörte, so daß, als ich den kleinen Finger in eine Schlinge eines
ausgespannten Seils einlege, ich ohne jede Mühe für eine ganze Viertelstunde, ja noch
länger, mein eigenes Gewicht zu tragen vermochte; thatsächlich hatte ich in dieser Zeit
auch absolut kein Gefühl von Müdigkeit oder Anstrengung meiner Muskeln. Dieser Umstand
hatte eine große Unannehmlichkeit im Gefolge: nichts stand mehr fest und was nicht gerade
niet- und nagelfest gewesen, ward Alles durch den geringsten Anlaß umgeworfen. Indeß war
ich dem Uebel soweit zuvorgekommen, daß ich die wichtigsten Gegenstände schon vorher
befestigt hatte, und höchstens mußte ich es mir gefallen lassen, daß mir beim
Frühstück der Löffel meinen Eierbecher und die Eier mitsammt der vollen Kaffeetasse
umwarf. Das Unglück war nicht gerade zu groß, da mir der größere Theil des Getränkes
nicht verloren ging; denn selbst Blei und Eisen, um wieviel mehr nicht Porzellan und gar
Flüssigkeiten fielen in dem Astronaut so langsam wie etwa Federn auf der Erde. Immerhin
blieb es für mich eine merkwürdige, neue Erfahrung, mich nach jeder Richtung hinlehnen
und in beinahe jeder Stellung verharren zu können.
Ich beschäftigte mich den ganzen Tag mit abstrakten Berechnungen
und da ich wußte, daß ich für einige Zeit von der Erde, die ihre dunkle Seite mir
zuwandte, nichts würde sehen können, und daß ich andererseits auch noch nicht in eine
Sphäre eingetreten sei, wo neue Himmels-Phänomene zu erwarten wären, so warf ich nur
noch einen flüchtigen Blick auf meinen Diskometer, sowie auf den Metakompaß, löschte
das elektrische Licht m meinem Schiff und hielt Siesta bis in die 19te Stunde, d. h. nach
irdischer Zeit, bis 7 Uhr nachmittags. Die Erde erschien zu dieser Zeit, wohl weil sie
finster war, kaum erheblich größer, als der am Horizonte aufgehende Vollmond. Ich sah
sie jetzt, wenn ich aus meinem unteren Fenster schaute, ziemlich aus derjenigen Richtung,
aus welcher ein Mondbewohner auf sie blicken müßte, und gleich wie auch der Mondbewohner
während der Eklipse rund nm die Erde einen durch die Refraktion der Sonnenstrahlen in der
irdischen Atmosphäre geschaffenen Hof entdecken dürfte. so sah auch ich die Erde mit
einem solchen Hof umgeben, der fast, wenn auch nicht ganz, an Glanz, Helle und Pracht, der
bei Sonnenfinsternissen sichtbaren Korona glich. Um dieses Zauberbild zu malen, würde
selbst der Pinsel des genialsten Künstlers unzureichend sein; um es mit seiner Schöne,
seinem Glanze meinen Lesern in Worten anschaulich zu schildern, müßte ich ein Dichter
sein, wie es keinen seit Homer gegeben hat.
Wenn ich auch nicht die Menge jener Sterne, unter welchen ich zu
reisen schien, zählte und zählen konnte, so sah ich doch bald, daß, wenn man unten auf
der Erde auch sich ihre Anzahl gleich dem Sand am Meere vorstellt, man sich doch keinen
rechten Begriff von ihrer wirklich unendlichen Zahl zu machen vermag. Wir sehen von der
Erde aus so wenig Sterne, daß wir mit Leichtigkeit besonders hellerglänzende Gestirne zu
Sternbildern wie Bär und Orion verbinden können, ich aber vermochte hier nur mit vieler
Mühe, sie von der anderen ungeheuren Menge auszusondern. Dabei besaß das Auge keinen
instinktiven Sinn für die Entfernung; es war, als ob ein jeder einzige Stern mit einem
Steinwurf zu erreichen wäre. Ich brauche wohl schwerlich erst noch zu bemerken, daß,
wenn ich einerseits das Fortbewegen meines Fahrzeugs absolut nicht merkte, ich
andererseits auch keine Aenderung meiner Stellung zu den Sternen wahrnahm. Doch neu und
interessant erschien mir, daß ich nicht nur die Gestirne des nördlichen und südlichen
Himmels. die von keinem Punkte der Erde aus gleichzeitig sichtbar sind, sondern die ganze
Runde der Himmelskugel aus meinen Fenstern überblicken konnte.
Der erste Tag der Reise ging
zu Ende, mein Chronometer zeigte 23,30, d. h. die Mitte der vierundzwanzigsten Stunde des
Tages. Ich inspizirte meinen Barykrit und fand, daß ich um etwas ferner von der Erde war
als der Mond in seinem weitesten Abstand von der Erde. Es ging daraus noch nicht hervor,
daß ich die Mondbahn gekreuzt hatte und wenn ich es gethan, war die Entfernnng doch zu
groß. als daß mein Kurs ernstlich dadurch beeinflußt werden konnte. Ich richtete das
Steuer und legte mich der zweite Tag der Reise hatte schon begonnen zur Ruhe
nieder.
Als ich mich in der fünften Morgenstunde erhob, fiel mir das
Welken vieler Blätter, besonders an den Sträuchern und den großen Pflanzen, auf. Ich
war zwar darauf vorbereitet, indessen wäre es mir doch ungelegen gekommen, alle meine
Pflanzen hinsterben zu sehen. Was sollte dann die Gase absorbiren, die zu vermehren ich
sie eingepflanzt? Ich leitete also aus dem Thermogen (dem Wärmeerzeuger) auf beide Theile
meines Gartens einen Strom und hoffte so, die Pflanzen vor den Unbilden der Kälte zu
bewahren. Umsonst! Die Blätter welkten und fielen weiter. Dann kam ich auf einen anderen
Gedanken; ich stellte einen Apparat aus Kupferdraht her, so zwar. daß ich die Enden der
Drähte in unmittelbare Berührung mit den Wurzeln brachte und leitete durch dieses
Drahtgeflecht einen schwachen Strom Elektrizität. Besserer Erfolg als ich erwartet hatte
lohnte meine Mühen und Dank der neuen Vorrichtung konnte ich die Pflanzen beinahe alle
bis zum Ende meiner Reise mir erhalten.
Es wäre nichts wie Zeitverschwendung gewesen, während der
Wochen, welche ich in der Einsamkeit meines künstlichen Planeten verlebte, ein Tagebuch
zu führen. Die Monotonie der Reise durch den Raunt ist begreiflicherweise noch weit
größer als die einer Seereise, wo uns auch nur hin und wieder Schiffe begegnen und der
Anblick eines Eilandes ein bemerkenswertes Ereigniß ist. Dennoch mußte ich stets
aufmerksam ausspähen, daß mir nicht doch etwa ein Umstand von Bedeutung entginge, auf
jener Fahrt durch Regionen, die selbst das stärkste Teleskop nur unvollständig
durchforschen kann! Ich konnte mich also keinenfalls zu einer ernstlichen Beschäftigung
niedersetzen, und es wird demnach kaum befremdlich erscheinen, daß meine Reise, die so
vollständig ohne Ihresgleichen dasteht, für mich selbst höchst eintönig und langweilig
war. Indeß die neuen Bilder, welche sie bot, so interessant und staunenswerth sie an sich
sein mochten, waren doch bald gesehen und begriffen und selbst die unheimlich düstere
Finsterniß, mit ihren abertausend glitzernden und flimmernden Lichtpunkten, vermochte auf
die Dauer kaum ein angenehmeres Schauspiel zu bieten, als es die Aussicht vom Deck eines
transatlantischen Dampfers auf die schweren, dunklen Wolken des Himmels auch gewährt, ja
innerhalb des Luftschiffes ward mir offenbar noch weit weniger Abwechselung geboten, als
Passagieren auf einer Seereise. Rings um mich herum blieb, abgesehen von der Richtung, in
welcher noch die Sonne von der Erdscheibe verfinstert wurde, Alles vollständig
unverändert, die Leitung der Maschinerie nahm meine Zeit nur hin und wieder für einige
Minuten in Anspruch, und nicht einmal Tag und Nacht wechselte hier oben ab, denn die Sonne
und die Sterne blieben immer gleichzeitig am Himmel; kurz sollte ich den Lesern schildern,
wie ich die Tage und die Stunden zugebracht, ich müßte fürchten, sie noch viel mehr zu
langweilen als ich mich damals selbst gelangweilt habe. Daher will ich mich denn auch
jeder überflüssigen Schilderung enthalten und nur Momente von besonderer Wichtigkeit
erwähnen.
Beim Anfang wie zu Ende meiner Reise mußte ich, geleitet von
verschiedenen Erwägungen, die Hauptrichtung der Fahrt verändern. Ich war bisher gerade
in die Höhe südwärts von der Erde aufgestiegen und mußte jetzt die letzte Zeit dazu
verwenden, allmälig auf den Mars hinabzusteigen und den Prozeß des Aufstiegs von der
Erde dabei in umgekehrter Weise ausführen. Ich mußte den Mars während seiner Opposition
zur Erde erreichen und während meiner ganzen Fahrt die letztere zwischen mir und der
Sonne behalten ans Gründen, welche für den ersten Augenblick vielleicht nicht gleich
begreiflich scheinen, da es ja nur in einzelnen Fällen, wie in dem meinen, zutrifft, daß
Mars in seiner Opposition der Erde am nächsten ist. Nach den astronomischen Berechnungen
sind die beiden Planeten an 40 Millionen Meilen in diesem Augenblick von einander
entfernt. Nun aber überholt inzwischen die Erde, die die innere, die kleinere Bahn mit
größerer Geschwindigkeit durcheilt, den Mars, indeß der Astronaut, beeinflußt von der
Erdumdrehung um die Sonne, (daß er vom Einflusse der Erdbewegung um die eigene Achse sich
befreit, habe ich bereits vorher erzählt) auf stetig weiteren Bahnen sich fortbewegt und
daher trotz des Vorsprungs über den Mars den letzteren weniger überholte als die Erde
und selbst hinter dieser zurück blieb.
Hätte ich die Apergie benützt, mich nur direkt von der Sonne
hinweg zu treiben, so würde ich täglich unter dem von der Erde her empfangenen Impulse
an 1,600,000 Meilen machen, d. h. in 45 Tagen fast 72 Millionen Meilen in der beiden
Planeten gemeinsamen Richtung zurücklegen, so daß ich schließlich in dem kritischen
Momente einige 30 Millionen Meilen im Rückstande wäre. Dies sollte nun die apergische
Kraft ausgleichen und mich zugleich in rechtem Winkel zu der Kreisbahn d. h. den Radius
entlang, von der Sonne hinveg an 40 Millionen treiben. Wenn dieses mir gelang, könnte ich
die Marsbahn zur festgesetzten Zeit und am erwünschten Punkte und damit auch den Planeten
selbst erreichen.
Schlug es mir aber fehl, so
sah ich mich ganz allein dem Einflüsse der Sonnenanziehung ausgesetzt, welcher ich zu
widerstehen allerdings wohl fähig war, die mir es aber sehr erschweren, wenn nicht
unmöglich machen mußte, einen Planeten, welcher sich in aller Eile von mir fortbewegte,
noch einzuholen. Und daher war es wünschenswerth, um mir im Falle der Noth einen
Zufluchtsort zu sichern, die Erde so lange als möglich zwischen dem Astronauten und der
Sonne zu haben. Nach Maßgabe dieser Erwägungen mußte fortan mein Kurs geleitet werden.
Nach einer ganz einfachen, auf dem Prinzip des Parallelogramms der Kräfte basirten
Berechnung verlieh ich dem apergischen Strome eine Kraft, die einer täglichen Bewegung
von nah an 750,000 Meilen gleichkam. Mein Unternehmen konnte jetzt nur noch dann
mißglücken, wenn meine Kalkulationen sieh als falsch erwiesen.
Am sechsten Tage erblickte ich eine sogenannte Nebula. Sie lag,
so schien es, genau in meinem Kurs, so daß, wie ich vermuthete, ich durch sie
hindurchpassiren mußte. In wenigen Stunden veränderte sie derart ihre Lage und Gestalt,
daß sie sich unmittelbar über mir befand und bald auch durch die obere Linse sichtbar
wurde, indeß nicht mehr das Bild eines Nebels bot, sondern jetzt deutlich eine Anzahl
kleiner glänzender Lichtpunkte. die allerdings nicht so hell wie die Sterne strahlten,
erkennen ließ. Allmälig kamen sie näher und zeigten sich als Körper von
beträchtlicher Größe aber unregelmäßiger Gestalt, und es ward mir klar, daß ich
durch einen jener Meteoren-Ringe passiren mußte, die nach der Meinung der Astronomen in
Unzahl im Raume existiren, und welchen man das Fallen von Sternschnuppen im August und im
November zuzuschreiben pflegt. In Kurzem zogen alle jene Körper mit reißender
Geschwindigkeit vor meinen Augen hin, indeß nur einer kam so nah, daß ich einigermaßen
seine wirkliche Größe abschätzen konnte. Es war ein felsartiger Körper, und zeigte auf
der Oberfläche Spuren von metallischen Adern, war aber glücklicherweise zu klein, einen
störenden Einfluß auf den Astronauten ausüben zu können. [ . . . ]
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